06.05.2020

Nicht nur Senioren, auch Menschen mit Behinderung gehören zur Risikogruppe

Menschen mit Behinderung gehören – egal ob bettlägrig oder nicht – zu den Risikogruppen und brauchen besondere Aufmerksamkeit

Die Wohngruppen der Pfingstweid und der Stiftung Liebenau, die Menschen mit einer geistigen und/oder körperlichen Beeinträchtigung betreuen, haben ihre Türen geschlossen. Menschen mit Behinderungen zählen zu den Corona-Risikogruppen.

Viele der vom Robert-Koch-Institut benannten Faktoren, denen Corona besonders zusetzt, treffen auf Menschen mit Behinderungen zu. Dazu zählen beispielsweise regelmäßige Medikamenteneinnahme, Vorerkrankungen und für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind und ständig sitzen müssen, ist das Abhusten deutlich schwieriger.

Vielleicht einer der Gründe, weshalb sowohl die Stiftung Liebenau als auch die Pfingstweid schon recht früh die Türen für Außenstehende dicht gemacht haben. „In der Stadt Friedrichshafen werden derzeit 26 Personen in Wohnhäusern rund um die Uhr und 30 Personen ambulant betreut“, informiert Helga Raible, zuständig für die Kommunikation der Stiftung Liebenau.

Bei den Betreuungsformen wird zwischen stationären und ambulant betreuten Wohnformen unterschieden. Stationär bedeutet, dass hier innerhalb einer Wohngruppe eine Tagesstruktur mit Betreuung gewährleistet ist, während bei der ambulanten Wohnform Menschen betreut und geholfen wird, die sonst ihren Lebensalltag sehr gut allein bewältigen können. „Wie sonst auch, orientiert sich die Betreuung an den Bedürfnissen der Personen, sie ermöglicht Teilhabe und bietet Schutz und Sicherheit, und momentan ist der Schutz der Menschen – der Betreuten, wie der Mitarbeitenden – absolut vorrangig“, sagt Helga Raible.

Um die Verbreitung des Corona-Virus in den Wohngruppen zu beschränken, wurden sehr frühzeitig die externen Kontakte geregelt, Mitte März wurde bereits ein generelles Besuchsverbot ausgesprochen. Was zunächst wie ein gravierender Einschnitt klingt, ist eine notwendige Maßnahme zum Schutz der Bewohner. Auch das trifft sowohl bei den Wohngruppen der Liebenau als auch bei den Häfler Einrichtungen in Friedrichshafen für die Pfingstweid zu. Hinzukommt, dass in den stationären Einrichtungen die Pflege eine wichtige Rolle einnimmt. Körperliche Pflege oder auch eine Assistenz ist mit einem Mindestabstand von zwei Metern nicht möglich. Also schon innerhalb der Gruppen ist ein Kontakt unvermeidlich.

Keine Besuche von Familienangehörigen, keine Arbeit in der Werkstatt und Kontaktverbote. Das seien notwendige Schritte, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Da jedoch zahlreiche immunsensible Menschen begleitet werden, die zu den Risikogruppen gehören, muss aus Verantwortung für diese Menschen alles Notwendige auch getan werden.

„Im ambulant betreuten Wohnen findet weiterhin Betreuung statt, allerdings soweit möglich telefonisch. Wenn persönliche Kontakte zwischen Betreuern und Betreuten nötig sind, erfolgen diese unter Einhaltung aller Hygiene- und Abstandsregeln und nur im Eins-zu-Eins-Kontakt“, erklärt Helga Raible. Sicherlich sei die Situation in den Wohngruppen jetzt angespannter als zuvor, da auch die Bewohner, die sonst zur Arbeit gingen, den ganzen Tag über zu Hause seien. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden jedoch viel Einfallsreichtum und Kreativität zeigen, wenn es darum gehe, den Tag zu strukturieren, und auch Wege finden, wie der Kontakt zu Angehörigen aufrechterhalten werden kann.

Wichtigste Aufgabe der Mitarbeitenden auf der Wohngruppe sei es: „Ruhe und Gelassenheit zu vermitteln – und das gelingt bisher gut. Auch gibt es eine hohe Bereitschaft der Bewohnerinnen und Bewohner, sich gegenseitig zu unterstützen“, so Helga Raible.

Auch die Wohngruppen der Diakonie Pfingstweid gestalten mit ihren Bewohnern „einen ruhigen und unauffälligen Familienalltag“, wie Andrea Aggeler, Wohnbereichsleiterin der Wohngruppe Thomanstraße in Friedrichshafen sagt. Die Bewohner verstünden, dass Schutzmaßnahmen erforderlich seien. Das Schwierigste sei für die Klienten das Besuchsverbot: „Die Klienten telefonieren jetzt mehr und wir haben auch ein Tablet, sodass Skype Anrufe möglich sind“, sagt sie. Die Bewohner können damit mit ihren Angehörigen Kontakt halten. Andere alltägliche Dinge für die Bewohner der Thomanstraße, wie Einkaufen gehen oder Apothekenbesuche, sind nicht möglich.

„Unsere Klienten sind trotz der Einschränkungen, denen alle unterliegen, zufrieden“ – von einem „Lagerkoller“ könne nicht die Rede sein. Bei den ambulant betreuten Patienten sei ebenfalls das Telefon die erste Wahl zur Kontaktaufnahme. „Hier ist oft eher eine pädagogische Betreuung gefragt“, erklärt Aggeler. Offen ist zurzeit noch, wann die sogenannten Exitstrategien für Menschen mit Beeinträchtigungen greifen.

„Wir haben ein erstes Schreiben von der Landesarbeitsgemeinschaft für Werkstätten (LAGW) erhalten, in dem vermerkt wird, dass die Werkstätten vermutlich bis Mitte beziehungsweise Ende Mai geschlossen bleiben“, sagt Melanie Süß-Scharf Bereichsleiterin Wohnen Bodenseekreis.

Foto: Lydia Schäfer

Artikel: Schwäbische Zeitung, Lydia Schäffer, 04.05.2020

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