09.05.2019

Was Politik von Behinderten lernen kann

Leichte Sprache ist nicht nur für Menschen mit Behinderung Schlüssel zum Verstehen

Ursula Heine schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „Aus Pandoras Büchse!“, ruft sie. „Wie soll man das denn erklären?“ Die 59-Jährige ist Prüferin für Leichte Sprache bei der Diakonie Pfingstweid in Tettnang. Anhand einer speziell geregelten Sprache sollen Menschen mit Behinderung Informationen leichter verstehen können. Außerdem ist Leichte Sprache, eine Sprache, von der sich Politiker durchaus etwas abschauen könnten, da ist sich Heine sicher.

„Es ist nicht immer einfach, Dinge zu verstehen“, sagt Heines Chef Elmar Rau, er übersetzt Texte für die Diakonie Pfingstweid in die Leichte Sprache. Selbst „normale Leute“, ohne Behinderung, die wenig lesen, hätten oftmals Verständnisschwierigkeiten. Verständnis-schwierigkeiten, auch das ist ein Wort, das nach den Regeln der Leichten Sprache zu lang und zu kompliziert ist. Eine der Grundregeln der Leichten Sprache ist: „Kurze Sätze. Eine Aussage pro Satz“, sagt Rau. Wie selbstverständlich wendet er die besondere Sprache auch in der normalen Kommunikation an. Eine Grundregel die von der Politik oft missachtet werde.

Schwierige Wörter müssen erklärt werden

Prüft sie einen Text, geht Ursula Heine systematisch vor. „Erst verschaffe ich mir einen Überblick“, sagt sie. Vor ihr liegen eine Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung und ein Wahlprogramm. Beides in Leichter Sprache. Sie liest langsam vor: „In der EU gibt es ein Parlament.“ Sie schüttelt den Kopf, greift nach dem Bleistift, der neben ihr auf dem Tisch liegt. Dann gehe sie genauer an den Text, erklärt sie und umkreist das Wort Parlament. Schwierige Wörter müssen sofort erklärt werden. Ebenso verpönt sind verschnörkelte Schriftarten und zu kleine Schriftzeichen. Denn die Zielgruppe sind Menschen mit Behinderung, Analphabeten, aber auch alte Menschen, die schlecht sehen.

Foto: Ursula Heine und Elmar Rau prüfen Texte, die in Leichte Sprache übersetzt worden sind

Foto und Text: Carolin Hitzigrath, Schwäbische Zeitung